SCHEINWELT
Glasarbeiten
glass artwork

 
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    Durch und durch

Grünlich schimmernde Transparenz erfüllt diese Gebilde, die sich aus einem undefinierbaren Kern zu entwickeln scheinen. Ein faszinierendes Wachstum dringt uns entgegen (vielleicht verwandt der Kristallbildung), das vertrackte Oberflächen ausprägt. Unser Auge springt vor und zuruck, muss sich durch und durch verschiedene Ebenen und Außenlinien tasten, an vielfachen Brechungskanten entlang, im Wechselfluss des Lichts. Zerstückelt und wieder zusammenziehend - so verschmelzen Innen und Außen und halten den Blick in wunderbarer Schwebe.

Mit Glas zu "bildhauern" erscheint zunächst abstrus, denn zumeist sind unsere Vorstellungen aus dem schillernden Reich des Kunsthandwerklichen genährt. Aber Frank Seidel ist beileibe kein Glasdesigner. Sein figurliches Arbeiten, sei es mit - vornehmlich - Gips, Eisenspänen, Asche, Stahl, Draht, Stoff oder Papier erweist sich für mich als zweischneidiger Aufbau: erstens aus harscher Setzung und zweitens aus dem Überwechseln ins Fragile, hervorgerufen durch das Aneinanderfügen kleinteiliger Materiepartikel. Dergestalt offenbaren die Plastiken sowohl etwas urtümlich Zeichenhaftes, aus einem gewissen Abstand gesehen, als auch Zerbrechliches, eine poröse Kleinteiligkeit, die Höhlungen und manchmal Durchbrüche bildet, was unsere Erkundungen aus der Nähe zeigen. Mit den jüngsten Glasarbeiten kommt nun das "verwirrende" In-Eins-Gehen von Erscheinungsbild und Mikrostruktur zum Vorschein.

Zuerst wollte der Künstler im neu erworbenen Brennofen Bronzegüsse realisieren, aber da führte ihn ein faszinierendes Experiment zum Glasbruch. Übliches Fensterglas verwendete er anfangs, deshalb auch jener türkisfarbene Ton. Der Glasschmelzpunkt bewegt sich hier etwa bei 800 bis 880 °C, oftmals liegen nur 20 °C zwischen Kompaktverschmelzung und kristallartiger Splitterstruktur. Ein spannend auszulotender Bereich: der Übergang zwischen sich im Erhärten rundendem Glasfluss und splittrig stehenbleibender Restkanten. Bei solch einem Materialeinsatz bleibt die Homogenität des Glases einfach außen vor.
Dadurch, dass vom Künstler zunächst der Trichterguss angewendet wird, wirken einige Arbeiten wie hinterfangen, wenn sich etwa ein Antlitz nach vorn strafft und nach hinten aufsplittert. In der Erkundung der technologischen Abläufe und Möglicheiten verwendet der Bildhauer gelegentlich Abgüsse von Körperteilen. Wobei er immer wieder auf zufällige Spuren und Ergebnisse reagiert; so ergeben Gussformreste im Glasschmelz einen eigenen, schrundigen Oberflächenreiz. Wird die Gussform überhitzt, bleiben danach Äderchen und Stege in Glasguss zurück, die dem Figürlichen neue Einschreibungen verleihen. Färbungen werden ebenso erprobt wie die Behandlung mit Sandstrahl oder die Einbeziehung anderer Materialteile. z.B. Experimente mit Nägeln, die mit eingegossen werden, lassen quasi einen "Fetisch-Kopf" entstehen.

Unser Auge wird immer wieder angezogen, die äußere Form umfassen zu wollen, immer wieder ein Ab- und Hineingleiten - Konturbilden erscheint als ununterbrochener, lebendiger Augengang.

Jörg Sperling
Brandenburgische Kunstsammlungen Cottbus
2004